Wichtige Übungen für Welpen

Luna soll mit Rex beim Spaziergang ausgelassen toben, ihn aber beim Treffen in der Stadt ignorieren. Freundlich wedeln soll sie, wenn fremde Menschen ihr auf den Kopf tätscheln, diese aber bitte dabei nicht anspringen. Möbel sollten als Möbel und nicht als Kauspielzeug erkannt, der Teppich nicht als Toilette benutzt werden. – Der Job eines Familienhundes ist in unserer Gesellschaft anspruchsvoll!

Im Gegensatz zu Menschenkindern haben Hunde eine verhältnismäßig kurze Sozialisierungsphase, um die große weite Welt kennenzulernen. Das optimale Alter für neue Erfahrungen ist zwischen der 6. und 16. Woche. Diese Zeitspanne kann wunderbar genutzt werden, um das neue Familienmitglied auf seinen individuellen Job vorzubereiten.

Belohnung passend zur gewünschten Emotion

Welche Emotion wünsche ich mir bei den gesammelten Erfahrungen? Die gesammelten Erfahrungen sollen nicht nur positiv, sondern auch mit der gewünschten Emotion (Entspannung oder Freude) verbunden sein, dies kann der Welpenbesitzer beeinflussen.

Der neue Welpenbesitzer sollte dazu Fragen beantworten wie:

Was möchte ich später mit meinem Hund unternehmen?

Wie soll er sich dabei verhalten?

Mit der Belohnung kann man die gewünschte Emotion anhaltend beeinflussen. Ich habe beispielsweise meinen Hunden eine Zeit lang die Zähne mit einer Leberwurstpaste anstelle von Zahnpasta geputzt. Obwohl ich nun schon seit einiger Zeit (Hunde-)Zahnpasta verwende, freuen sie sich immer noch über das Zähneputzen. Ihre Emotionen wurden entscheidend geprägt.

Möchte man beim Welpen eine freudige Erwartungshaltung, Neugier und Motivation fördern, bieten sich als Belohnung aufregende und schnelle Dinge an:

Ein Rennspiel
Erkunden von Mauselöchern
Ein Zerrspiel
Geworfenes Spielzeug
Möchte man hingegen Entspannung fördern, bieten sich als Belohnung ruhige Verhaltensweisen, wie z. B. Kau- und Suchspiele an:

Kauknochen fressen
Leckerli suchen (z. B. Handvoll auf der Wiese ausgestreute Futterbrocken)
Auspacken von Futter (z. B. aus einer Küchenrolle)
KONG® auslecken

Andere Hunde kennenlernen

Auch bei Hundebegegnungen kommt es auf das richtige Verhältnis der Emotionen an: Ein Hund, der andere Hunde nur als Spielpartner in der Welpengruppe kennengelernt hat, wird auch bei Begegnungen an der Leine von seinen positiven Emotionen überwältigt sein und die „Party“ aus der letzten Welpenstunde auf der Straße weiterführen wollen. Dies kann im Alltag schnell zu Frust führen, da ein Spiel an der Leine in der Stadt nicht möglich ist.

In meiner Hundeschule bekomme ich solche Fälle dann als „Leinenaggression“ vorgestellt.

Lernt ein Welpe hingegen andere Hunde in entspannten sowie aufgeregten Situationen kennen, werden Begegnungen an der Leine häufig kein Problem. In Gruppen mit anderen Hunden können deshalb neben Spielerfahrungen auch Entspannungsübungen sinnvoll sein. Die Welpen werden angeleint und es wird gewartet, bis sich alle beruhigt haben.

Haben Welpen gelernt, schnell „herunterzufahren“, ist dies eine wichtige Voraussetzung für das Hundeleben. Als Belohnung für das entspannte Warten bieten sich beispielsweise Kauknochen an. Danach kann das Spiel mit den anderen Welpen fortgeführt werden. Denn auch beim Spielen lernen Welpen eine Menge: Sie erproben Handlungen für die gesamte Bandbreite der Kommunikation.

Spielen macht Welpen kommunikativ und anpassungsfähig, weil sie viele Situationen kennenlernen und durchspielen: Sie fixieren sich, jagen sich gegenseitig, beißen sich spielerisch und rollen übereinanderher. Sie lernen die unterschiedlichen Wirkungen ihrer Verhaltensweisen kennen und angemessen zu reagieren. Schnappt ein Welpe seinen Spielpartner zu fest, wird dieser darauf reagieren, indem er z. B. das Spiel abbricht. Schnell lernt der Kleine die Zähne so einzusetzen, dass sie keine Schmerzen erzeugen. Das Lernen sollte durch Interaktionen mit Hunden verschiedener Altersklassen und Rassen fortgesetzt werden. So lernen Welpen die Körpersprache anderer Hunde richtig „lesen“ und einschätzen.

Menschen vertrauen

Nicht nur andere Hunde trifft man im Alltag, sondern auch fremde Menschen, die die Welpen am liebsten gleich anfassen. Vielen Welpen ist es unheimlich, wenn eine (fremde) Hand ihren Kopf tätschelt. Im Alltag lässt es sich jedoch oft nicht verhindern, dass fremde Menschen Welpen über den Kopf fassen. Bei einem Restaurantbesuch hat sich sogar einmal ein Kind unbemerkt unter unseren Tisch geschlichen, um Peanut, unsere Terrierhündin, zu streicheln.

In solchen und ähnlichen Situationen ist es hilfreich, wenn Welpen eine tätschelnde Hand mit positiven Emotionen verbinden. Hierzu kann ein „Fass mich an“ Spiel mit dem Welpen gespielt werden. Hierbei lernt der Hund die von oben kommende Hand als Ankündigung für etwas Schönes kennen. Zunächst einmal testet man, an welcher Stelle man die Hand beim Training positionieren kann. Dazu hält man den ausgestreckten Arm über den Hundekopf und senkt diesen nach unten. Wie verhält sich dabei der Hund?  Ein Gähnen, Wegdrehen oder vielleicht ein plötzliches Kratzen könnten Anzeichen dafür sein, das es ihm unangenehm ist. Im nächsten Schritt hält man ein Leckerli in der einen Hand, nimmt die Hand langsam von oben Richtung Hundekopf (nur solange es ihm angenehm ist) und gibt ihm das Futterstück. Je früher ein Welpe die unterschiedlichsten Hände als Ankündigung für etwas Schönes sieht, desto besser.

Eine weitere Übung, die ich mit Welpen gern mache, ist das „Auf den Füßen“-Stehen. Während der Hund auf den Füßen des Menschen „parkt“, kann man ihm Schutz gewähren, da sich andere Menschen und Hunde besser abhalten lassen. Auch beim Dog Dance ist es sinnvoll, wenn sich der Hund eng an den Menschenbeinen wohlfühlt. Dies kann man üben, indem man seinen Welpen zunächst beibringt, auf Schuhen zu stehen. Oder aber man lockt mit einem Leckerli den Hund direkt hinter die Beine des Menschen und von dort immer weiter auf seine Füße.

Handling

Auch beim Geschirr- (oder Halsband-)Anziehen kann der Welpe aktiv mithelfen, dann wird es nicht dazu kommen, dass er Angst davor entwickelt. Hierzu lockt man zunächst den Welpen mit einem Leckerli durch das Geschirr. Nach ein paar Wiederholungen hält man ihm das Geschirr vor den Kopf und schaut, ob er schon eine Idee von der Übung hat. „Schaffst du es, deinen Kopf ein klein wenig in die Geschirröffnung zu stecken?“ Sobald er dies geschafft hat, belohnt man seinen Mut mit Futter oder einem Spiel und erhöht schrittweise die Anforderungen.

Maulkorb

In vielen Situationen ist es sinnvoll, dass der Welpe es „normal“ findet, einen Maulkorb zu tragen. Lernt er schon von Kindertagen an, seine Schnauze gern in das seltsame Ding zu stecken, wird er damit später keine Probleme haben. Am besten eignet sich ein Maulkorb, mit dem es sich immer noch hecheln und trinken lässt. Zunächst kann man den Maulkorb sozusagen zu einem „Futternapf“ umfunktionieren, indem man den Welpen ein paar Leckerli daraus fressen lässt. Im nächsten Schritt wird das Futter dann von außen durch den Maulkorb gefüttert. Steckt der Welpe direkt seine Schnauze hinein und nimmt Futter, kann der Korb für wenige Sekunden geschlossen werden. Nach und nach wird die Zeit des Tragens ausgedehnt.

Krallen schneiden

Meine Pudelhündin mag es gar nicht, wenn ihre Krallen geschnitten werden. Wie ich herausgefunden habe, ist ihr das Geräusch des Krallenschneidens furchtbar unangenehm, nicht etwa das Pfötchenhalten oder das ruhige Warten. Bei einem Seminar brachte mich Ken Ramirez auf eine, wie ich finde, geniale Idee. Er imitiert das Schneiden von Krallen, indem er ungekochte Nudeln mit einer Krallenschere schneidet, und verbindet dieses Geräusch mit Entspannung beim Hund. Das könnte dann etwa so aussehen: Der Besitzer schneidet Nudeln mit einer Krallenschere, nähert sich dabei immer mehr den Pfoten an, während der Welpe entspannt an einem z. B. KONG® nuckelt. Den KONG® (oder Kauknochen) kann man dabei auch am Hundekorb festbinden.

Der Welpe kann sich frei entscheiden, ob er das Geräusch bzw. die Krallenzange in der Nähe der Pfote noch ertragen kann oder ob er sich lieber zurückziehen möchte. Auch bei dieser Übung kann man seinem Welpen die Frage stellen:

„Kannst du es aushalten, wenn ich deine Pfote in die Hand nehme und mit der Krallenzange ein Geräusch mache?“
„Kannst du es aushalten, wenn ich deine Pfote nehme und die Krallenzange deine Krallen berührt?“
Wird die Frage mit Nein beantwortet, z. B. durch ein Sich-Wegdrehen, Weggehen oder eine eingezogene Rute, wird die Übung einfacher gestaltet oder abgebrochen. Auf diesem Weg tastet man sich schrittweise seinem Ziel entgegen. Die Übung soll mit positiven Emotionen verbunden werden.

Geräusche

Jeder Hund ist immer wieder verschiedenen Geräuschen ausgesetzt. Ob zu Hause (Staubsauger, knisternde Plastikfla- schen), im Garten (Rasenmäher, schreiende Nachbarskinder) oder zu bestimmten Ereignissen (Silvester, Fußball-WM). Damit der Welpe keine Angst davor bekommt, ist es wichtig, ihn frühzeitig an Geräusche und Lärm zu gewöhnen. Werden unheimliche und ungewöhnliche Geräusche mit positiven Dingen verknüpft, verlieren sie ihre einschüchternde Wirkung. Ideal ist es, wenn dabei der Kleine selbst bestimmen kann, inwieweit er sich den Geräuschen aussetzen möchte. Schön ist es dann zu beobachten, wie schnell der Welpe über sich hinauswächst.

Schnell und einfach geht dies z. B. mit einer „Knisterflaschensuche“. Dazu werden Plastikflaschen auf dem Fußboden oder in eine Kiste (groß genug, dass der Welpe darin laufen kann) gelegt und dazwischen Leckerli verteilt. Nach und nach werden es mehr Flaschen und die Leckerli werden nicht mehr nur neben den Flaschen, sondern auch unter ihnen versteckt. Der Welpe kann selbst bestimmen, ob und wieweit er sich an die knisternden Flaschen herantraut oder ob er vielleicht gleich hineinspringt.

Eine weitere Beschäftigung, um den Welpen selbstbestimmt an Geräusche heranzuführen, ist ein Turm aus Metalltöpfen. Hierbei werden die Töpfe gestapelt und darunter Leckerli verteilt. Schubst der Welpe einen Topf um, scheppert es nicht nur fürchterlich, sondern es fällt auch das Leckerli heraus. So wird das Scheppern zur Ankündigung für das Futter. Um dieLautstärke langsam zu steigern, kann man diese Übung zunächst auf Teppichboden oder Gras, später dann auf Fliesen spielen.

Im Alltag können weitere Geräusche positiv verknüpft werden. So kann man mit einem Löffel auf den Futternapf klopfen, während man den Napf auf den Boden stellt, oder man kann beim Zerrspiel mit den Füßen aufstampfen.

Viel Spaß beim Training wünscht Corinna!

Der Artikel ist in der Zeitschrift SitzPlatzFuss erschienen. Du kannst ihn dir hier kostenlos herunterladen.  Artikel_Lenz

Die Fotos sind von Heike Schmidt- Röger für das Buch “Lernspiele für Welpen” aufgenommen worden (außer das Bild mit den Leckerli, das ist von mir). Autorinnen sind Christiane Schnepper und ich.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *